Tochter  der  Winde

Es zuckten überraschend die Blitze am Himmel, als der Donnervogel ohne Vorwahrung die Bühne des Luftraumes betrat, in dem sich gerade Prinz Airdnat, ein Abstämmiger des Flügelvolkes, mit kräftigen Flügelschlägen gen Heimat flog. Doch die Launen des Donnervogels sollten den Prinzen in dieser Nacht nicht die Wolkenheimat erreichen lassen, denn einer seiner kraftvollen Blitze erwischten Airdnat und dieser stürzte zu Boden.

 

Als der große Donnervogel schließlich vorbei zog, nahm er das Unwetter mit sich und es erwachte ein neuer, strahlend schöner Morgen. Die Bauern eines naheliegenden Dorfes fanden den verletzten Prinzen des Flügelvolkes und brachten ihn zu sich ins Dorf. Dort kümmerten sich die Ältesten um ihn und schon bald kam Airdnat wieder auf die Beine. Nur seine Flügel wollten ihn noch nicht tragen und eine Narbe erinnerte noch an die Taufe des Blitzes.

 

Die Dorfbewohner verehrten das Flügelvolk und so ging es dem Prinzen sehr gut in dessen Obhut. Eine junge Frau erweckte dort besonders die Aufmerksamkeit des jungen Flügelländers: die schöne Bries.

 

Nach einigen Tagen hatten seine Schwingen ihre alten Kraft erlangt und so verabschiedete sich der Prinz von den Dorfbewohnern – und auch schweren Herzens von Bries. Gerne hätte er sie gebeten ihn in seine Welt zu folgen, doch er wollte sie nicht ihrer Familie entreißen.

 

Bevor der Flügelländer sich verabschiedet hatte, trat einer der Ältesten vor:

"Wir sind sehr froh, dich wieder so in deiner Kraft stehen zu sehen. Und wir sind glücklich mit dir eine Weile verbracht zu haben. So möchten wir dich um etwas bitten, verehrter Prinz."

Mit einem aufrichtigen Nicken stimmte der Mann dem Vortragen der Bitte zu.

 

"Unter den Unseren ist eine der Deinen. Aber ihre Flügel sind verkümmert und schwach und unter ihrer Kleidung versteckt. Wir lieben sie, doch wir spüren auch, dass sie hier auf dem Erdland niemals vollkommenes Glück finden wird. So nimm denn unsere liebe Bries mit dir mit und vielleicht können ihre Flügel in deiner Welt sogar Heilung finden", erklärte der Älteste und legte der jungen Frau aufmunternd eine Hand auf die Schulter. Sie sah überrascht, glücklich aber auch traurig zugleich aus. Sie würde in der Tat sehr gerne mit Airdnat gen Himmel fliegen, zu ihres Gleichen.

 

Mit einem Lächeln streckte Airdnat ihr die kräftige Hand entgegen:

"Komm mit mir."

Mit fröhlichen und betrübten Gefühlen verabschiedeten die herzlichen Dorfbewohner Bries. Sie selbst konnte ihre Gefühle kaum beschreiben, als sie in den Armen des Prinzen in Richtung Himmelreich empor getragen wurde. Die Luft umwehte sie wie ein sanftes Streicheln, wie eine längst vergessene Erinnerung. Aus ihrer Kindheit hatte sie viele kleine wie große Erinnerungen in sich bewahrt. Doch diese waren mit der Zeit sehr verblasst. Wie wird es wohl sein, wenn sie wieder einen Fuß in ihre Heimat setzen würde? Damals war sie freiwillig aus Neugier auf die Erde gekommen, doch aus irgendeinem Grund verkümmerten ihre Flügel und sie konnte nicht mehr heimkehren, seit jeher hatten sich die Dorfbewohner rührend um sie gekümmert. Und nun war diese Zeit vorbei.

 

Der charmante Prinz stellte nicht viele Fragen, sondern erzählte ihr lieber von ihrem neuen Zuhause. Die Reise verging mit raschen Flügelschlägen und so landeten Beide bald in der Wolkenheimat von Airdnat.

 

Die Flügelländer waren ebenso freundlich und herzlich wie die Menschen, bei denen Bries bisher gelebt hatte und so wurde die junge Frau ebenso lieb in ihrem Zuhause willkommen geheißen wie sie es schon einmal bei den Dorfbewohnern in ihrem Leben erfahren hatte ...