Der  Hüter  des  Waldes

Die Sonnenstrahlen fielen verträumt durch das Baumgeäst und der weiche Waldboden wirkte beruhigend auf sein aufgewühltes Herz. Für eine Weile blieb Ganymed, der Zentaur mit dem schönen hellblonden Fell und den braunen Fellmusterung, stehen und lauschte mit geschlossenen Augen der Melodie des Waldes.

 

Seine Wahrnehmung veränderte sich, die Gedanken klärten sich ein wenig und er spürte eine kleine Energiewelle aus dem Boden an seinen Beinen entlang aufsteigen, die ihm eine gewisse Geborgenheit vermittelten. Dieser Ort war dem jungen Zentauren bekannt, es dauerte jedoch bis sich die Erinnerungen in seinen Gedanken wieder vollständig gesammelt hatten. Aber dann wusste er: Hier wartete ein ganz besonderer Ort auf seine Wiederkehr, ein bestimmtes Baumwesen in dessen Gegenwart er sich früher schon wohlfühlen konnte. Endlich – nach all den Jahren seines fortseins würde er ihn wieder treffen.

 

Entschlossen öffnete er die Augen und trabte den Weg entlang, an den er sich erinnerte. Alles wirkte vertraut und fremd zugleich, aber der wundervolle Duft der Natur verlieh ihm neue Kraft und Zuversicht. Hin und wieder huschten kleine Vögel auf, wenn sich der Zentaur durch das Dickicht schlug. Es war nicht mehr allzu weit.

 

Und schließlich stand er vor ihr: Einer mächtigen Eibe, die auf einer kleinen, wie magisch anmutenden Lichtung, stand. Glücklich und als würde er einen alten Freund begrüßen, umarmte der Zentaur den Stamm des riesigen Baumes.

 

Zentauren gehen oft eine enge Verbindung mit Baum- oder Pflanzenwesen ein. Das ist auch einer der Gründe weshalb es viele gute Heilkundige und Heiler unter ihnen gibt: Sie verstehen die Pflanzenwesen, hören sie und ihre Botschaften und erfahren so ihr Heilwissen direkt von der Baum- und Pflanzenwelt. Auch Ganymed besaß diese Gabe – in dieser Hinsicht war er sogar mit einem großen Talent gesegnet, doch die vergangenen Jahre hatten ihn diese Gabe fast völlig vergessen lassen.

 

Ein leises Geräusch ließ den jungen Zentauren vom Stamm aufblicken und sich umdrehen. Sofort erkannte er ein beeindruckendes Wesen, das plötzlich nur wenige Schritte von ihm entfernt stand. Es handelte sich um ein mächtiges Schutzwesen dieses Waldes: ein Hirsch-Zentauren. Er war halb inkarniert und halb feinstofflich – was vereinfacht ausgedrückt soviel bedeutete, dass er sich beispielsweise auch unsichtbar machen konnte, um schneller an einen anderen Ort zu gelangen. Jedenfalls besangen die Legenden seiner Sippe die Fähigkeiten dieses Geschöpfes in dieser Art. Ganymed selbst war genau wie die Menschen und Tiere inkarniert, und besaß einen grobstofflichen Körper der sich nicht in Energie auflösen konnte. Jene außergewöhnliche Eigenschaft galt aber nur für den Hüter des Waldes oder Ortes – dem König der Hisch-Zentauren. Seine Artgenossen die mit ihm zusammen an jenem Ort lebten, den er beschütze und behütete, waren ebenfalls normal inkarniert.

 

Noch nie zuvor war dem jungen Zentauren eine solche Begegnung zuteil geworden. Das braun und silberne Fell des Hirsch-Zentauren schimmerte im strahlenden Sonnenlicht und als besonderes Merkmal trug er ein imposantes Geweih auf dem Kopf. Die Haare es Zentauren strahlten in einem kastanienbraun und seine klugen Augen, die sein Gegenüber wohlwollend musterten, schimmerten in einem klaren Blau. Eine ruhige wie mächtige Ausstrahlung ging von ihm aus.

 

Unsicher, weil er nicht genau wusste, wie er sich verhalten sollte, verbeugte sich Ganymed. Sein Gegenüber nickte ihm anerkennend zu. Dann hörte er die kräftige Stimme des Hirsch-Zentauren, doch es schien fast so, als würde der gesamte Wald mit ihm sprechen:

 

Lange ist es her, dass du diesen Platz betreten hast. Es ist nun Zeit, das längst Vergessene wieder zu entdecken.

Etwas ratlos starrte der Zentaur den Hüter an.

Ich fürchte ... ich verstehe nicht ganz ...

Der Hirsch-Zentaur machte ein paar Schritte auf Ganymed zu:

Ganymed, es ist jetzt Zeit, wieder hinzuhören.

 

Der Hirsch-Zentaur deutete auf die mächtige Eibe hinter ihm. Der Baum – es gab Erinnerungen in denen Ganymed die Stimme dieses weisen Wesen vernehmen konnte und es hatte ihm das ein oder andere Wissen über Heilkunde vermittelt. Mit offenen Mund schaute der Zentaur hinauf zur weiten Baumkrone und wandte sich dann um.

 

Du meinst ...", begann Ganymed, aber der Hirsch-Zentaur war verschwunden und an der Stelle wo er zuvor gestanden hatte, schwebten kleine Lichter, die sich nach und nach tanzend auflösten. Wie kleine Funken, die von einem Feuer aufflackerten und nach einer Weile in der Luft erloschen.

 

Er war alleine, oder zu mindestens für einige Herzschläge lang. Denn schon bald hörte Ganymed das deutliche Knacken von kleinen Ästen und eine ihm bekannte Gestalt bahnte sich seinen Weg auf ihn zu. Der schwarze Zentaur Antrominos trat mit schweren Schritten seiner großen Hufen vor ihn. Ein wenig verdattert blickte der junge Zentaur von der Stelle an der das Hüterwesen gerade noch gestanden hatte und zum Mitglied seines Stammes ein paar Mal hin und her. Aber schließlich blieb sein Blick auf Antrominos stehen.

 

Was willst du hier?, maulte Ganymed den schwarzen Zentauren an.

Gelassen entgegnete dieser:

Das könnte ich dich ebenso fragen. Du solltest dich nicht so weit von der Herde entfernen.

Sagt wer? Du? Und warum schleichst du mir hinterher? Hast du nichts besseres zu tun?

Ein wenig grimmig schnaubte Antrominos: Dein Vater sagt DAS. Und natürlich kann ich mir etwas lohnenderes vorstellen, als dir nachzustellen, aber ich bin dazu abgestellt, dich zu schützen.

 

Wut kochte in Ganymed hoch, doch anstelle sich dieser hinzugeben, drehte er sich um und lehnte sich an den Stamm der Eibe. So verharrte er für eine Zeit lang. Keiner sprach ein Wort.

 

Irgendwann setzte sich der junge Zentaur in Bewegung und schlug den Rückweg in Richtung seiner Herde ein. Antrominos folgte seinem Schutzbefohlenen nur wenige Hufbreite hinter ihm. Für diesen Moment hatte der Wald seinen Zauber für den jungen Ganymed verloren, denn er fühlte sich alles andere als wohl in der Begleitung des schwarzen und rau wirkenden Zentauren der nur einige Jahre mehr zählte als er selbst.

 

Und als wenn der Wald ihn nicht mit dieser trüben Stimmung hätte gehen lassen wollen, flog dicht vor seinem Gesicht ein kleiner Lichtfunke vorbei. Der erstaunte Ganymed wusste nicht warum, doch die kleine Ablenkung, schien ihn von einem Teil seiner negativen Gefühle zu befreien und in seinem Kopf hörte er wieder die Worte:

 

Es ist Zeit hinzuhören, Ganymed

 

Und schon verschwand das kleine Licht so leise und sacht wie es erschienen war und Ganymeds Herz fühlte sich sogleich nicht mehr so schwer an.